Im Zweifel schützen wir uns selbst

Journalistische Medien, die Textberichterstattung betreiben, binden sich in Deutschland an die Regeln des Pressekodex. Das soll sicher stellen, dass sie ein Mindestmaß an Würde und Fairness in ihrer Arbeit wahren. Aber was nutzt dieser Kodex, wenn das Kontrollgremium, der Presserat, im Zweifel zugunsten der Presse entscheidet?

rekordverdächtigIn Würzburg geschieht gerade Interessantes: Ein Stadtrat fordert die örtliche Sparkasse auf, ihre Werbepartnerschaft mit einem örtlichen “Nachrichten”-Portal zu beenden und damit auf eine weitere finanzielle Unterstützung des Portals zu verzichten. Er wirft den Seitenbetreibern unter anderem vor, “populistische Ressentiments zu schüren”. Eine Einschätzung übrigens, der ich geneigt bin beizupflichten. Das Portal hält dagegen, dass man sowohl die eigenen Beiträge, als auch die zahlreichen Leserkommentare an der hauseigenen “Netiquette” und den Maximen des Pressekodex messen würde. Hier gibt’s den entsprechenden Bericht der Main-Post: Paywall-Link.

An dieser Aussage zum Pressekodex bin ich hängen geblieben. So honorig es ist, sich einem Kodex zu unterwerfen, so wertlos scheint mir der deutsche Pressekodex zu sein. Zugegeben, ich bin durch einige Erfahrungen im Zusammenhang mit meinem Volontariat in dieser Frage in gewisser Weise ein gebranntes Kind. Aber erst kürzlich wurde ich in meiner Auffassung wieder bestätigt, dass der Presserat, der Wächter des Kodex, nicht nur ein zahnloser Tiger ist, sondern – das unterstelle ich ihm – eher die Presse schützt als jene, denen die Presse potenziell schadet.

Als im März 2015 in den französischen Alpen der Germanwings-Flug 4U9525 abstürzte, war dies der Startschuss für einen Großteil der deutschen (und internationalen) Medien, sich gegenseitig an Niveau und Würde zu unterbieten. Folgerichtig verzeichnete der Presserat einen Beschwerderekord.

Auch ich hatte mich damals beim Presserat über eine Titelseite der BLD-Zeitung mit entsprechender Online-Berichterstattung beschwert (welche das war, lässt sich dem unten stehenden Beschluss des Presserats entnehmen). Meine Beschwerde hatte ich – zugegeben, mit einigen unsauberen Formulierungen – so begründet:

Die genannte Titelseite der BILD-Zeitung stellt ethische Verstöße mindestens gegen die Präambel, sowie die Ziffern 1, 8.1, 8.4, 8.7, 9, 11.3 und 13.1 des Pressekodex. Die Bild-Zeitung beschädigt damit erheblich das in der Präambel genannte Ansehen der Presse und greift in erheblicher Weise in Privat- und Intimsphäre eines Verstorbenen ein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kann zudem nicht davon ausgegangen werden, dass ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit die Schutzbedürftigkeit des Toten übersteigt, wie es in Ziffer 8.1 genannt ist. Durch die Veröffentlichung von Namen und Bild des Toten wird das Leben seiner Familienangehörigen in erheblicher Weise beeinträchtigt, was einen Verstoß nach Ziffer 8.4 darstellt. Zudem ist von einem Akt von Selbsttötung auszugehen, was nach Ziffer 8.7 eine derart prominente Berichterstattung unzulässig macht. Es ist davon auszugehen, dass die Titelseite der Bild-Zeitung und die – von der Redaktion beabsichtigte – Reaktion auf die Veröffentlichung das Leid der Hinterbliebenen nennenswert verschlimmert, was nach Ziffer 11.3 ein Vergehen gegen die ethischen Grundsätze der Presse darstellt. Die Bezeichnung des Toten als „Amok-Pilot“ und „Massenmörder“ ist eine unzulässige Vorverurteilung nach Ziffer 13.1. Dieser Verstoß wird auch nicht geheilt durch etwaige gleichlautende Vorverurteilungen seitens der Ermittlungsbehörden. Zudem verletzt es den Toten in seiner Ehre, was einen Verstoß gegen Ziffer 9 des Kodex darstellt. Die Bezeichnungen sind zudem geeignet, den Toten in seiner Menschenwürde zu verletzen, was gegen Ziffer 1 des Pressekodex und die Grundsätze des deutschen Rechtsstaats verstößt.

So weit, so unspektakulär. Ich hatte mich maßlos über die Berichterstattung geärgert und mir so ein wenig Luft verschafft.

beschwerdepresserat
Die Entscheidung des Presserats. Per Klick aufs Bild geht’s zum pdf.

Vor wenigen Wochen kam dann die Antwort des Presserats. Die von mir mit angeführte Beschwerde wurde als unbegründet abgelehnt. Die Urteilsbegründung kann sich jeder selbst durchlesen (Klick aufs Bild). Zwei Punkte darin finde ich besonders beachtenswert: Die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien und das vorgeschobene Argument des öffentlichen Interesses.

Zum ersten Punkt folgendes Zitat aus der Presserat-Entscheidung:

“Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses konnte aber mit der Bekanntgabe der ersten Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.03.2015 die Presse davon ausgehen, dass der Co-Pilot den Absturz des Flugzeugs und damit auch den Tod von 149 weiteren Menschen absichtlich herbeigeführt hat.”

Man muss kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert haben, um zu wissen, dass dies eine hanebüchene Aussage ist. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Rechtsstaaten und Unrechtsstaaten liegt genau in diesem Punkt: Ermittlungsergebnisse von Strafverfolgungsbehörden sind keine Urteile! Wer behauptet, die Presse müsse von der objektiven Richtigkeit der Aussagen von Ermittlungsbehörden ausgehen, lügt oder hat keine Ahnung vom Rechtsstaat.

Der zweite Punkt ist doch noch viel gravierender. Alle weiteren Beschwerden über die Verletzung verschiedener Persönlichkeitsrechte des Piloten lehnte der Presserat nämlich letztlich mit dem überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit ab. Ich halte das für eine Mär. Es geht doch überhaupt nicht um das “Interesse der Öffentlichkeit”.

Wenn wir, die Medienproduzenten, ehrlich sind – und wenn auch der Presserat ehrlich ist – ging es in all diesen Fragen lediglich um die Interessen der Presse. Das spektakulärste Bild, der erste O-Ton der Ex-Freundin, die geschüttelte Witwe: Sie alle garantieren Klicks und Auflage. Wenn der Presserat in diesem Fall vom überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit spricht, dann ist das ein vorgeschobenes Argument. Mit dieser Entscheidung schützt die Presse sich selbst und nicht die hehren Prinzipien des gesellschaftlichen Diskurses.

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Mit Grautönen leben

Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn
Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn

Es gibt Tage, da macht es keine Freude, Journalist zu sein. Gestern war einer davon. Und das ist weder überraschend noch herausragend, denn was gestern passierte, war letztlich doch nur journalistisches Alltagsgeschäft. Aber es wurde offensichtlich, dass es im Journalismus keine Trennschärfe mehr gibt zwischen Schwarz und Weiß. Es sind gibt nur noch Grautöne. Und der Umgang damit fällt mir schwer.

Ich brauche den Tag nicht zu rekapitulieren. Wir wissen, was passiert ist und wir wissen, dass sich Kollegen aller Genres, nicht nur der bösen Boulevard-Presse schuldig gemacht haben. Im ewigen Kampf um Zahlen und Erfolg ist einmal mehr die Würde unter die Räder gekommen. Und alle haben mitgemacht, denn wer nicht mitmacht, bekommt eben kein Stück ab vom Kuchen.

Ich habe das große Glück, in einer Redaktion zu arbeiten, die viele dieser medialen Zwänge sehr gelassen sehen kann. Wir haben den Luxus, unser Produkt nicht verkaufen zu müssen. Es ist bereits bezahlt. Das ist natürlich auch Verpflichtung. Und zwar die Verpflichtung, Themen zu bringen, die sonst niemand bringt – gerade weil sie auch nur ein marginales Publikum erreichen. Wir können – und sollen – auch diese Geschichten bringen, die eben nicht sexy und aufmerksamkeitsheischend sind, sondern einfach nur gut und wichtig. Geschichten, die Haltung verlangen. Aber auch wir merken immer wieder, wie sehr wir als Online-Journalisten von Zahlen getrieben sind. Immer auf der Suche nach dem perfekten Posting, immer ein Auge auf die Echtzeit-Zahlen. Dennoch, wir leben im Haltungsluxus.

Und ich darf mich glücklich schätzen, mit Kollegen in dieses Metier hinein zu wachsen, die ebenso viel Wert auf Haltung legen, auf Anstand, wie ich. Es tut mir gut, zu wissen, wie sehr meine zehn Jahrgangskollegen darum bemüht sind, anständige und aufrechte Journalisten zu sein. Informieren, über alles, aufrichtig und notfalls hartnäckig, aber nicht um jeden Preis. Jede Geschichte erzählen, wenn sie erzählt werden muss, aber nicht auf jede Weise. Das ist es, was uns an eine katholische Journalistenschule gebracht hat.

Aber selbst dort sind wir, bin ich, nicht vor dem Einfall der verdorbenen Realität sicher. Vor vier Wochen, bei unserem zweiten Volontärs-Grundkurs, stand das Thema Medienethik auf dem Programm. Als Fachreferentin war eine Redakteurin einer bayerischen Regionalzeitung eingeladen, die seit Jahren Mitglied des  Presserats. Sie sollte uns den Pressekodex erläutern und darlegen, wie und weshalb der Presserat zu seinen Entscheidungen kommt. Es wurde ein ernüchternder Tag.

Wir sollten echte Fälle, mit denen sich der Presserat befasst hatte, selbst beurteilen. Fast immer hätten wir deutlich schwerere Sanktionen verhängt als es in der Realität der Fall war. Teilweise hätten wir Höchststrafen ausgesprochen, wo der Presserat in der Realität überhaupt nicht bestraft hat. Aber noch nicht einmal diese Diskrepanz zwischen unseren Ansprüchen und der Realität war die erschütterndste Erkenntnis. Es war das Gefühl einer Resignation, die in den Worten der Kollegin mitschwang. “Es ist schön, dass Sie so moralisch sind. Das schleift sich mit der Zeit ab.”*

Das ist die Realität des Journalismus. Es gibt nicht nur die böse Seite, auf der sich die Boulevardisten tummeln und die gute Seite, auf der der Presserat für Werte und Moral kämpft. Alle sind irgendwo mit drinnen. Jeder macht mal was wirklich gut und alle langen ab und an richtig daneben. Weil sie es müssen, wie sie sagen. Weil der Journalismus so funktioniert, wie es heißt. Wenn es darum geht, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, verschwimmen Schwarz und Weiß ganz schnell zu einem dreckigen Grau.

Der Journalismus ist getrieben von einer self-fulfilling prophecy. Und diesen Zirkel zu unterbrechen, scheint mir zunehmend ein illusionäres Unterfangen zu sein.

Das macht mir zu schaffen, weil ich noch immer der Vorstellung anhänge, diese weiße Seite könnte es tatsächlich geben. Und ich könnte an einer katholischen – christlichen – Journalistenschule eben von genau dieser Richtung in den Journalismus kommen, die nicht bös und fies ist. Ich könnte mich klar abgrenzen von dem, was nicht sein soll und nicht sein darf.

Aber so einfach ist es nicht. Wir leben in Grautönen. Auch der so genannte Qualitätsjournalismus hat nicht einfach nur ein paar schwarze Flecken. Es vermischt sich, es ist nicht mehr zu trennen. Wer vorgestern noch vom Podest mit dem Finger auf den schlimmen Boulevard gezeigt hatte, stand gestern mit der Kamera in der Hand vor dem Wohnhaus eines Toten.

Und das war trotz der enormen Außerwöhnlichkeit der Situation nur Alltagsgeschäft. Es waren keine lang diskutierten redaktionellen Entscheidungen, die hunderte Photographen vor das Haus getrieben haben, sondern Automatismen. Die zu erwartenden hohen Klickzahlen setzen eine seelenlose, würdelose Mechanik in Gang. Zum Glück geht das meistens nicht zu Lasten eines oder weniger Menschen, zum Glück ist das meistens harmlos. Gestern war es das nicht. Da war alles nur schmutzig grau.

* Sinngemäßes Zitat.

Ach, ja – –

Gerade bin ich beim Blättern durch das Archiv des Simplicissimus auf dieses Gedicht gestoßen. Es stammt aus der Feder von Karl Kinndt und wurde in der Ausgabe Nr. 49 vom 5. März 1933 (37. Jahrgang) veröffentlicht. Könnte aber auch (fast) von heute sein:

– – Auch Amerika hat Sorgen,
weil die stärksten Banken wanken – :
dafür darf man nun ab morgen
Alkohol als Tröstung tanken.

Krieg entbrennt im fernen Osten
trotz der Völkerbund-Proteste.
Und man läßt das Schwert nicht rosten,
sondern schleift es – aber feste!

Süße Eintracht, holder Frieden
eint nicht mal die deutschen Dichter – :
Rigoros wird ausgeschieden
pazifistischer Gelichter – –

Außenkriege – Innenkriege –
Alle Menschheit ist zerspalten –
Dieser feiert seine Siege,
jener muß die Schnauze halten!

Morgens liest man stets von Toten,
weil das so dazu gehört.
Und die Zeitung wird verboten,
weil sie Ruh‘ und Ordnung stört.

Ach, sie hängt an keinem Baume,
und sie hängt an keinem Strick:
sie verpufft im leeren Raume,
unsre deutsche Republik – –

Republikaner sein.

Ich bezeichne mich gerne als Patrioten. Das als Deutscher zu tun, ist immer irgendwie heikel. Seit Sommer 2006 ist es zwar legitim, sich die schwarz-rot-goldene Trikolore auf die Backe zu malen und sich die Fahrzeugstandarte des kleinen Mannes an die Seitenscheibe des Familienwagens zu klemmen, spätestens nach dem Schlusspfiff der jeweiligen sportlichen Großveranstaltung ist es damit aber wieder vorbei. Und bis zum 3. Oktober hat das Herbstwetter ja dann auch alle Ecken der Republik erreicht, sodass niemand mehr im kurzärmligen Philipp-Lahm-Trikot das Haus verlassen mag.

Um aber auch an diesem Tag – und einigen anderen – eine Erklärung zu haben, das Land schwarz-rot-gold zu schmücken, haben wir uns den schönen Begriff des Verfassungspatriotismus gegeben. Verfassungspatriotismus klingt für mich nach Norbert Lammert und Andreas Voßkuhle. Nach staatstragendem, geplantem Patriotismus. Und so begehen wir unseren Nationalfeiertag – den hier freilich niemand so nennt – ja auch: Staatstragend, geplant und sehr ernst. Da gibt es keine ausgelassene Fröhlichkeit oder sogar Spontaneität. Aber es wird ja schließlich auch nicht Deutschland gefeiert, sondern das Grundgesetz. Verfassungspatriotismus eben.

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Reformstau auflösen jetzt!

Ich muss mich gerade mal wieder über „meinen Chef“ ärgern. Der Chef ist der Vorsitzende des Würzburger Diözesanrats und da ich sowohl Mitglied meines Pfarrgemeinderates, als auch des Dekanatsrates bin – in welchem besagter Diözesanratsvorsitzender ebenfalls Mitglied ist – kann ich ihn wohl indirekt als meinen Chef bezeichnen.

In einem Interview mit der Radioredaktion des Bistums Würzburg wurde er gefragt, was er denn machen würde, wenn er Papst wäre. Ein kleines, harmloses Gedankenspiel; eigentlich. Hier das Interview zum nachhören:

Ich habe dazu gerade bei Facebook einen Kommentar abgegeben, den ich hier mal einfüge:

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