Blendle: Großartiges Konzept mit nervigen Fehlern

fasinttitelWas hab ich mich gefreut, als ich meinen Blendle-Zugang bekam. Endlich einzelne Artikel für einen fairen Tarif kaufen! Ja, das ist toll. Aber leider ist die Plattform – in der beta-Version – noch voller Bugs.

Der Kollege Schwenzel hat dazu neulich schon mal etwas aufgeschrieben. Ich hatte bis dato solche Probleme noch nicht (bemerkt), am Sonntag dafür umso mehr.
Ich hatte mir aus dem FAS-Feuilleton ein Interview mit Alan Rusbridger gekauft. Für schlappe 45 Cent, übrigens. In diesem einen Text fanden sich so ziemlich alle Fehler, die Schwenzel schon beschrieben hatte. Fragen und Antworten sind identisch formatiert und daher teilweise nur schwer auseinander zu halten. Einige Begriffe blieben unübersetzt (“Sie werden Prinicipal eines Colleges”, “Es mag sein, dass ich ziemlich competitive bin”, …), wobei das auch im Original so sein könnte. An einer anderen Stelle bin ich über einen unvollständigen Satzbau gestolpert, was wohl an einer schlechten Übersetzung liegen dürfte.

Schon zu Beginn des Interviews zeigten sich die Probleme mit dem automatisierten Rippen der Zeitung: Das Artikelbild wurde inklusive des eingesetzten Titels und der Bildunterzeile einfach ausgeschnitten. Sowohl Titel, als auch BU, wurden allerdings von Blendle nochmal – auf grafisch nicht besonders ansprechende Weise – hinzugefügt.

Abgesehen von diesen Bugs sind mir zwei andere, etwas ärgerliche Eigenheiten von Blendle aufgefallen: Wenn man in einer Mail von Blendle dem Link zu einem Artikel folgt, kauft man diesen automatisch und wird vorher nicht noch einmal gefragt oder überhaupt auf den Kauf hingewiesen. Außerdem hat Blendle etliche Artikel im Kauf-Angebot, die bei den Medien kostenlos zu lesen wären. (Diesen Punkt finde ich allerdings gar nicht nur schlecht, da man auf diese Weise dem Medium wenigstens ein paar Cent für die geleistete Arbeit zukommen lassen kann, ohne die ganze Ausgabe kaufen zu müssen.)

Ja, diese Fehler und Funktionen nerven. Aber es ist immer noch eine beta. Ich will also nicht ganz so hart mit Blendle ins Gericht gehen, wie es Schwenzel getan hatte. Ich kann damit leben, dass mancher Text irgendwie komisch daher kommt. Zumal ich ja jederzeit mein Geld zurück bekomme, wenn ich nicht zufrieden bin.

Für mich zählt viel mehr, dass ich endlich die Möglichkeit habe, gezielt einzelne Artikel zu lesen – und zu bezahlen! – die ich ansonsten nur in einer viel zu teuren Online- oder Print-Ausgabe finden würde. Nicht, dass Blendle so viel billiger wäre: Mit vier, fünf gekauften Artikeln bewegt man sich im Preisbereich einer normalen Tageszeitung. Aber man ist dafür nicht gezwungen, sich auf ein Medium festzulegen. Ich bin jedenfalls ein Fan dieser Plattform und hoffe, dass bald noch viele andere Medien dort aufgenommen werden. Für mich ist Blendle bislang einer der besten Ansätze, Journalismus im Netz sinnvoll und fair zu monetarisieren.

P.S.: Wer einen Invite-Code haben möchte, darf sich gerne bei mir melden!

Advertisements

Im Zweifel schützen wir uns selbst

Journalistische Medien, die Textberichterstattung betreiben, binden sich in Deutschland an die Regeln des Pressekodex. Das soll sicher stellen, dass sie ein Mindestmaß an Würde und Fairness in ihrer Arbeit wahren. Aber was nutzt dieser Kodex, wenn das Kontrollgremium, der Presserat, im Zweifel zugunsten der Presse entscheidet?

rekordverdächtigIn Würzburg geschieht gerade Interessantes: Ein Stadtrat fordert die örtliche Sparkasse auf, ihre Werbepartnerschaft mit einem örtlichen “Nachrichten”-Portal zu beenden und damit auf eine weitere finanzielle Unterstützung des Portals zu verzichten. Er wirft den Seitenbetreibern unter anderem vor, “populistische Ressentiments zu schüren”. Eine Einschätzung übrigens, der ich geneigt bin beizupflichten. Das Portal hält dagegen, dass man sowohl die eigenen Beiträge, als auch die zahlreichen Leserkommentare an der hauseigenen “Netiquette” und den Maximen des Pressekodex messen würde. Hier gibt’s den entsprechenden Bericht der Main-Post: Paywall-Link.

An dieser Aussage zum Pressekodex bin ich hängen geblieben. So honorig es ist, sich einem Kodex zu unterwerfen, so wertlos scheint mir der deutsche Pressekodex zu sein. Zugegeben, ich bin durch einige Erfahrungen im Zusammenhang mit meinem Volontariat in dieser Frage in gewisser Weise ein gebranntes Kind. Aber erst kürzlich wurde ich in meiner Auffassung wieder bestätigt, dass der Presserat, der Wächter des Kodex, nicht nur ein zahnloser Tiger ist, sondern – das unterstelle ich ihm – eher die Presse schützt als jene, denen die Presse potenziell schadet.

Als im März 2015 in den französischen Alpen der Germanwings-Flug 4U9525 abstürzte, war dies der Startschuss für einen Großteil der deutschen (und internationalen) Medien, sich gegenseitig an Niveau und Würde zu unterbieten. Folgerichtig verzeichnete der Presserat einen Beschwerderekord.

Auch ich hatte mich damals beim Presserat über eine Titelseite der BLD-Zeitung mit entsprechender Online-Berichterstattung beschwert (welche das war, lässt sich dem unten stehenden Beschluss des Presserats entnehmen). Meine Beschwerde hatte ich – zugegeben, mit einigen unsauberen Formulierungen – so begründet:

Die genannte Titelseite der BILD-Zeitung stellt ethische Verstöße mindestens gegen die Präambel, sowie die Ziffern 1, 8.1, 8.4, 8.7, 9, 11.3 und 13.1 des Pressekodex. Die Bild-Zeitung beschädigt damit erheblich das in der Präambel genannte Ansehen der Presse und greift in erheblicher Weise in Privat- und Intimsphäre eines Verstorbenen ein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kann zudem nicht davon ausgegangen werden, dass ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit die Schutzbedürftigkeit des Toten übersteigt, wie es in Ziffer 8.1 genannt ist. Durch die Veröffentlichung von Namen und Bild des Toten wird das Leben seiner Familienangehörigen in erheblicher Weise beeinträchtigt, was einen Verstoß nach Ziffer 8.4 darstellt. Zudem ist von einem Akt von Selbsttötung auszugehen, was nach Ziffer 8.7 eine derart prominente Berichterstattung unzulässig macht. Es ist davon auszugehen, dass die Titelseite der Bild-Zeitung und die – von der Redaktion beabsichtigte – Reaktion auf die Veröffentlichung das Leid der Hinterbliebenen nennenswert verschlimmert, was nach Ziffer 11.3 ein Vergehen gegen die ethischen Grundsätze der Presse darstellt. Die Bezeichnung des Toten als „Amok-Pilot“ und „Massenmörder“ ist eine unzulässige Vorverurteilung nach Ziffer 13.1. Dieser Verstoß wird auch nicht geheilt durch etwaige gleichlautende Vorverurteilungen seitens der Ermittlungsbehörden. Zudem verletzt es den Toten in seiner Ehre, was einen Verstoß gegen Ziffer 9 des Kodex darstellt. Die Bezeichnungen sind zudem geeignet, den Toten in seiner Menschenwürde zu verletzen, was gegen Ziffer 1 des Pressekodex und die Grundsätze des deutschen Rechtsstaats verstößt.

So weit, so unspektakulär. Ich hatte mich maßlos über die Berichterstattung geärgert und mir so ein wenig Luft verschafft.

beschwerdepresserat
Die Entscheidung des Presserats. Per Klick aufs Bild geht’s zum pdf.

Vor wenigen Wochen kam dann die Antwort des Presserats. Die von mir mit angeführte Beschwerde wurde als unbegründet abgelehnt. Die Urteilsbegründung kann sich jeder selbst durchlesen (Klick aufs Bild). Zwei Punkte darin finde ich besonders beachtenswert: Die Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien und das vorgeschobene Argument des öffentlichen Interesses.

Zum ersten Punkt folgendes Zitat aus der Presserat-Entscheidung:

“Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses konnte aber mit der Bekanntgabe der ersten Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft Marseille am Mittag des 26.03.2015 die Presse davon ausgehen, dass der Co-Pilot den Absturz des Flugzeugs und damit auch den Tod von 149 weiteren Menschen absichtlich herbeigeführt hat.”

Man muss kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert haben, um zu wissen, dass dies eine hanebüchene Aussage ist. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Rechtsstaaten und Unrechtsstaaten liegt genau in diesem Punkt: Ermittlungsergebnisse von Strafverfolgungsbehörden sind keine Urteile! Wer behauptet, die Presse müsse von der objektiven Richtigkeit der Aussagen von Ermittlungsbehörden ausgehen, lügt oder hat keine Ahnung vom Rechtsstaat.

Der zweite Punkt ist doch noch viel gravierender. Alle weiteren Beschwerden über die Verletzung verschiedener Persönlichkeitsrechte des Piloten lehnte der Presserat nämlich letztlich mit dem überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit ab. Ich halte das für eine Mär. Es geht doch überhaupt nicht um das “Interesse der Öffentlichkeit”.

Wenn wir, die Medienproduzenten, ehrlich sind – und wenn auch der Presserat ehrlich ist – ging es in all diesen Fragen lediglich um die Interessen der Presse. Das spektakulärste Bild, der erste O-Ton der Ex-Freundin, die geschüttelte Witwe: Sie alle garantieren Klicks und Auflage. Wenn der Presserat in diesem Fall vom überwiegenden Interesse der Öffentlichkeit spricht, dann ist das ein vorgeschobenes Argument. Mit dieser Entscheidung schützt die Presse sich selbst und nicht die hehren Prinzipien des gesellschaftlichen Diskurses.

Zeit für Fortschritt [#rp15 #3]

IMG_8031_edited

Ich verbringe relativ viel Zeit in Fernverkehrszügen. Die langen Fahrten nutze ich gerne produktiv, indem ich etwa Texte wie diesen aufschreibe. Diese Zeiten plane ich aber meist nicht ein, sondern nehme sie dankbar an. Dabei sollte ich mir viel bewusster Freiräume für Nichtalltägliches schaffen.

Ich schätze an der re:publica besonders, dass viele Sessions sich vorrangig mit der Metaebene der Themen auseinandersetzen. Die beiden Talks „Schwarmdummheit!“ und „Digitaler Journalismus: Vom Innovationsgeist zur Aufbruchstimmung“ fand ich in diesem Jahr herausragend. Bei beiden ging es – wenn auch nicht primär – um Effizienz und Innovation.

Den Begriff der Innovation will ich aber durch den der Regeneration ersetzen. In meiner Erfahrung sind die entscheidenden Entwicklungen, ob in der Kirche oder in der Medienwelt, meistens nicht die Neuerfindungen, sondern vielmehr die Wiederentdeckungen und Neuordnungen. Das Vorhandene auseinanderbauen, gründlich untersuchen und dann mit neuem Geist re-generieren. Darum geht es.

Doch das braucht Zeit. Auf unregelmäßige und oft relativ spontane Bahnfahrten kann man sich dabei nicht verlassen, das muss anders gehen. In seinem wunderbar kurzweiligen Vortrag „Schwarmdummheit!“ hat Gunter Dueck eine äußerst aufschlussreiche Berechnung effizienter Arbeitszeiteinteilung präsentiert. Seine Kernaussage: Man sollte nicht mehr als 85 Prozent seiner Arbeitszeit fest verplanen.

Ich versuche, seine Bilder aus Medizin und Politik auf einen anderen Bereich zu übertragen: Die Pfarrei. Vor ein paar Wochen haben wir wissenschaftlich bestätigt bekommen, was vorher schon bekannt war: Die parochiale Seelsorge ist für die Mitarbeiter verdammt anstrengend. Dabei hat die Arbeitsbelastung nur einen geringen Einfluss auf das Wohlbefinden der Seelsorger. Und das trotz teilweise extremer Belastungen – einer von fünf Priestern arbeitet mehr als 65 Stunden pro Woche.

Was unter diesen Umständen aber auf jeden Fall leiden muss, ist die Reflexion und Entwicklung der eigenen Arbeit, also der Seelsorge und daraus folgend der Kirche insgesamt. Wenn etwa der Pfarrer sich jeden Tag nur mit den akut anfallenden Problemen befassen muss, wie soll er dann noch dafür Sorge tragen, alte Konventionen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls neu zu konzeptionieren? Eben indem man wenigstens ein paar Stunden pro Woche nicht zur Disposition stellt.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass institutionalisierte Entwicklungszeit der Kirche wahnsinnig gut täte. Wie oft scheitert der Versuch, etwas „mal anders zu machen“ an mangelnder Zeit und Ressourcen? Was würde in der Pfarrei geschehen, wenn sich das Pastoralteam einen Nachmittag pro Woche frei hält, um sich mit all den Dingen zu befassen, für die sonst keine Zeit bleibt?

IMG_8111_editedDie Veränderung managen

Ein zweiter Talk, den ich in diesem Zusammenhang sehr gewinnbringend fand, hatte eigentlich explizit den Journalismus zum Inhalt. Die Referenten haben dabei Ergebnisse zweiter empirischer Studien präsentiert. „Die zweite Studie ‚Die Zeitungsmacher‘ gibt Auskunft über die Arbeitszufriedenheit, Veränderungsbereitschaft und Innovationsbedarfe von Printjournalisten.“ Das mehrteilige Fazit der Speaker kann aber, so denke ich, auch gut auf andere Bereiche übertragen werden.

Die Redaktionen müssten demnach ein innovationsfreundliches Klima schaffen, etwa indem sie mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung bieten und ein Change Management institutionalisieren. Übertragen auf die Kirche sage ich, dass Gemeinden regeneratives Potenzial gewinnen, wenn die Mitarbeiter – ob hauptamtlich oder unbezahlt – regelmäßig Ideen austauschen und aufnehmen können. Und wenn Veränderungsprozesse dann noch wirklich aktiv gemanagt, nicht nur ertragen werden, ist das ein weiterer, guter Schritt.

In Bezug auf die Branche insgesamt folgerte das Forscherteam, dass es ein neues Rollenselbstverständnis der Journalisten braucht. Es gibt eben nicht mehr nur den klassischen Reporter, der mit Notizblock und Kamera unterwegs ist, sondern eine Vielzahl neuer, mit anderen Aufgaben bedachten Rollen. Dazu zählen im Kontext des sozialen, dialogischen Internets die Rollen des Moderators, des Mediators und des Information Manager. Auch hier sehe ich Parallelen zur Seelsorge.

Übrigens zogen die Referenten auch ein Fazit für die Gesellschaft. Unter den Bedingungen einer neuen, dialogischen Öffentlichkeit, müsste es eine verbesserten Zugang zu Informationen für alle und damit einhergehend auch eine direktere Teilhabe am Diskurs geben. Die Journalisten sähen sich schließlich mit ihrem schwindenden Informationsmonopol einem höheren Legitimationszwang ausgesetzt.

Auch dieser letzte Punkt ist bezogen auf die Kirche sehr spannend. Wenn wir uns als tatsächliche Communio verstehen, dann müssen sich auch alle Glieder dieser Gemeinschaft darin einbringen. Von den bisher Passiven fordert das Engagement, von den bisher Aktiven die freiwillige Aufgabe von tradierten Besitzständen.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Wie werde ich zum Störsender? [#rp15 #2]

IMG_8196_edited

Es ist so verdammt anstrengend, dieses Offline-Internetz. Aber auch so schön. Dreieinhalb Tage re:publica, fünf Tage Berlin spürt man vor allem im Kopf. Denn der ist voll von Eindrücken, Ideen, Freude und anderen Dingen, die man lieber nicht für sich behält. Daher schreibe ich auf, was ich für konservierenswert halte. Den Anfang machen einige Gedanken zu netzinkompatiblen Printprodukten und fremden Timelines.

Die Seite 3 findet im Netz nicht statt, sagte Brigitte Zypries bei einem ansonsten nicht allzu spannenden Panel. Auf dem Podium “Die Vermessung der Medienwelt” ging es um eine ganze Reihe von Themen, von denen mir am Ende aber nur dieser eine Satz hängen geblieben ist. Oder vielmehr, ein kurzer Tweetwechsel, der mir den Satz in einen relevanten Zusammenhang gerückt hat.

Was hat es mit der Seite 3 auf sich? Im klassischen Beispiel der Süddeutschen ist diese Seite der Ort für die großen Reportagen, die investigativen Recherchen, die preisverdächtigen Großformate. Die “Seite 3” ist das Schmuckstück der Zeitung nicht nur wegen ihrer handwerklichen Qualität, sondern weil sie die Möglichkeit bietet, Themen zu setzen. Dort wird die exklusive Story mit der aufwändigen Recherche platziert.

Dass das im Netz so nicht funktioniert, dürfte Frau Zypries tatsächlich richtig beobachtet haben. Allein schon aufgrund der technischen Bedingungen des Mediums. Es gibt nicht mehr die eine, sich allen gleich darstellende Donnerstagsausgabe von sz.de. Die Seite 3 lebt in hohem Maße von Linearität.

Das Verhalten als unmündige Empfänger haben wir im Netz – glücklicherweise! – abgelegt. Wir nehmen nicht mehr ungefragt die Informationen an, die man uns gibt, sondern organisieren unser eigenes Quellenportfolio und verteilen die Informationen nach einer höchstpersönlichen Filterung weiter.

Die Frage, die Zypries aufgeworfen hat, lautet also: Wie kommt neuer Input in dieses System und wie können wir als Sender die wegfallende Seite 3 kompensieren?

Eine Timeline, die sich allein aus gefälligen Wiederholungen der eigenen Position zusammensetzt, bietet keinerlei Mehrwert. Und auch wenig Unterhaltung. Darum bauen wir in unsere Sendernetzwerke gezielt und behutsam Störsender ein, die uns wahlweise überraschen oder anstoßen. Beides sorgt für Bewegung im System – und frischen Input.

Das klingt simpel, stellt aber für die Senderseite eine echte Herausforderung dar. Was wir früher auf der Seite 3 platziert haben müssen wir heute diesen Störsendern anvertrauen, in der Hoffnung, dass es in möglichst vielen Timelines für Überraschung sorgt. Oder besser noch: Wir müssen selber versuchen, als Sender auch immer mal wieder wie ein Störsender zu funktionieren. Wie macht man das?

Zugegeben, ich habe keine Antwort auf diese Frage und wirklich bahnbrechend neu ist die ganze Überlegung sowieso nicht. Dass ich an dem Zitat und dem Tweetwechsel aber dennoch einige Tage hängen geblieben bin, zeigt mir, dass der Gedanke wohl noch nicht zu Ende gedacht wurde. Jedenfalls nicht von mir.

Hier geht es zu meinen übrigen Beiträgen zur re:publica!

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Mit Grautönen leben

Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn
Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn

Es gibt Tage, da macht es keine Freude, Journalist zu sein. Gestern war einer davon. Und das ist weder überraschend noch herausragend, denn was gestern passierte, war letztlich doch nur journalistisches Alltagsgeschäft. Aber es wurde offensichtlich, dass es im Journalismus keine Trennschärfe mehr gibt zwischen Schwarz und Weiß. Es sind gibt nur noch Grautöne. Und der Umgang damit fällt mir schwer.

Ich brauche den Tag nicht zu rekapitulieren. Wir wissen, was passiert ist und wir wissen, dass sich Kollegen aller Genres, nicht nur der bösen Boulevard-Presse schuldig gemacht haben. Im ewigen Kampf um Zahlen und Erfolg ist einmal mehr die Würde unter die Räder gekommen. Und alle haben mitgemacht, denn wer nicht mitmacht, bekommt eben kein Stück ab vom Kuchen.

Ich habe das große Glück, in einer Redaktion zu arbeiten, die viele dieser medialen Zwänge sehr gelassen sehen kann. Wir haben den Luxus, unser Produkt nicht verkaufen zu müssen. Es ist bereits bezahlt. Das ist natürlich auch Verpflichtung. Und zwar die Verpflichtung, Themen zu bringen, die sonst niemand bringt – gerade weil sie auch nur ein marginales Publikum erreichen. Wir können – und sollen – auch diese Geschichten bringen, die eben nicht sexy und aufmerksamkeitsheischend sind, sondern einfach nur gut und wichtig. Geschichten, die Haltung verlangen. Aber auch wir merken immer wieder, wie sehr wir als Online-Journalisten von Zahlen getrieben sind. Immer auf der Suche nach dem perfekten Posting, immer ein Auge auf die Echtzeit-Zahlen. Dennoch, wir leben im Haltungsluxus.

Und ich darf mich glücklich schätzen, mit Kollegen in dieses Metier hinein zu wachsen, die ebenso viel Wert auf Haltung legen, auf Anstand, wie ich. Es tut mir gut, zu wissen, wie sehr meine zehn Jahrgangskollegen darum bemüht sind, anständige und aufrechte Journalisten zu sein. Informieren, über alles, aufrichtig und notfalls hartnäckig, aber nicht um jeden Preis. Jede Geschichte erzählen, wenn sie erzählt werden muss, aber nicht auf jede Weise. Das ist es, was uns an eine katholische Journalistenschule gebracht hat.

Aber selbst dort sind wir, bin ich, nicht vor dem Einfall der verdorbenen Realität sicher. Vor vier Wochen, bei unserem zweiten Volontärs-Grundkurs, stand das Thema Medienethik auf dem Programm. Als Fachreferentin war eine Redakteurin einer bayerischen Regionalzeitung eingeladen, die seit Jahren Mitglied des  Presserats. Sie sollte uns den Pressekodex erläutern und darlegen, wie und weshalb der Presserat zu seinen Entscheidungen kommt. Es wurde ein ernüchternder Tag.

Wir sollten echte Fälle, mit denen sich der Presserat befasst hatte, selbst beurteilen. Fast immer hätten wir deutlich schwerere Sanktionen verhängt als es in der Realität der Fall war. Teilweise hätten wir Höchststrafen ausgesprochen, wo der Presserat in der Realität überhaupt nicht bestraft hat. Aber noch nicht einmal diese Diskrepanz zwischen unseren Ansprüchen und der Realität war die erschütterndste Erkenntnis. Es war das Gefühl einer Resignation, die in den Worten der Kollegin mitschwang. “Es ist schön, dass Sie so moralisch sind. Das schleift sich mit der Zeit ab.”*

Das ist die Realität des Journalismus. Es gibt nicht nur die böse Seite, auf der sich die Boulevardisten tummeln und die gute Seite, auf der der Presserat für Werte und Moral kämpft. Alle sind irgendwo mit drinnen. Jeder macht mal was wirklich gut und alle langen ab und an richtig daneben. Weil sie es müssen, wie sie sagen. Weil der Journalismus so funktioniert, wie es heißt. Wenn es darum geht, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, verschwimmen Schwarz und Weiß ganz schnell zu einem dreckigen Grau.

Der Journalismus ist getrieben von einer self-fulfilling prophecy. Und diesen Zirkel zu unterbrechen, scheint mir zunehmend ein illusionäres Unterfangen zu sein.

Das macht mir zu schaffen, weil ich noch immer der Vorstellung anhänge, diese weiße Seite könnte es tatsächlich geben. Und ich könnte an einer katholischen – christlichen – Journalistenschule eben von genau dieser Richtung in den Journalismus kommen, die nicht bös und fies ist. Ich könnte mich klar abgrenzen von dem, was nicht sein soll und nicht sein darf.

Aber so einfach ist es nicht. Wir leben in Grautönen. Auch der so genannte Qualitätsjournalismus hat nicht einfach nur ein paar schwarze Flecken. Es vermischt sich, es ist nicht mehr zu trennen. Wer vorgestern noch vom Podest mit dem Finger auf den schlimmen Boulevard gezeigt hatte, stand gestern mit der Kamera in der Hand vor dem Wohnhaus eines Toten.

Und das war trotz der enormen Außerwöhnlichkeit der Situation nur Alltagsgeschäft. Es waren keine lang diskutierten redaktionellen Entscheidungen, die hunderte Photographen vor das Haus getrieben haben, sondern Automatismen. Die zu erwartenden hohen Klickzahlen setzen eine seelenlose, würdelose Mechanik in Gang. Zum Glück geht das meistens nicht zu Lasten eines oder weniger Menschen, zum Glück ist das meistens harmlos. Gestern war es das nicht. Da war alles nur schmutzig grau.

* Sinngemäßes Zitat.