Ein Prolog

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Der süßlich-penetrante Duft handwarmer alkoholischer Getränke hängt wie ein Fadenvorhang am Eingang zum Großraumwagen. Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr, Regionalexpress nach Köln. Der unangenehme Sinneseindruck ist kein Überbleibsel der vergangenen Nacht sondern stiller Begleiter einer vergnügten Reisegruppe. Eine Hand voll Frauen jenseits der 40 ist unterwegs zum Regionalbahnwochenendausflug. Bei der zweiten Flasche Mumm wird es schon sehr früh am Tag existenziell: „Irgendwas muss da ja noch kommen. Das kann ja nicht alles gewesen sein.“ Die Gruppenreisende spricht nicht über den nächsten Haltepunkt der Bahn, sondern tatsächlich über die „letzten Dinge“. Bei Sekt aus dem Pappbecher.

Ihre Gefährtin scheint den Jenseitsoptimismus nicht teilen zu wollen. „Ach, für wen denn!“ – „Na für mich!“ – Das Gespräch der Gruppe drängt gut hörbar durch den ansonsten stillen Wagen. Die Gläubige entfaltet einen sonderbaren Synkretismus, der unverortbar zwischen rheinischem Katholizismus und buddhistischer Esoterik hängt. Ein Geistwesen sei der Mensch, er habe eine Seele. Und irgendwann warte da im Universum noch eine weiter Sphäre. „Es wäre doch unverschämt, wenn das nicht alles irgendwann irgendwo hin führt“, befindet sie. Die Möglichkeit der Wiedergeburt als Regenwurm will sie allerdings nicht ausschließen.

Das hoffnungsvoll begonnene Sektgespräch der Freundinnen steuert bald wieder auf die diesseitige Banalität der äußeren Umständen zu. Nach wenigen Minuten ist das Ringen um die Transzendenz erschöpft. Der sonntagmorgendliche Existenzialismus weicht der Suche nach Essbarem in den Ausflugsrucksäcken. „Ich hab noch ein Tomätchen!“

Und so geht die Geschichte weiter …

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Tradition? Dramaturgie! [#rp15 #1]

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Kommende Woche steigt in Berlin die große Netzkindersause namens re:publica. Ich werde dann zum dritten Mal daran teilnehmen. Muss ich dann schon von einer Tradition sprechen?

Oder vielleicht doch lieber von Dramaturgie. In der Journalistenschule haben sie uns das beigebracht. Da

Da sind Veranstaltungen wie die re:publica eine willkommene Möglichkeit, den Horizont etwas zu erweitern. Im vergangenen Jahr hatte ich mich bereits vor allem für die Sessions mit journalistischen Themen interessiert. Das hat sich in der Zwischenzeit nicht geändert. Und nachdem ich in diesem Jahr dienstlich nach Berlin reise, werde ich natürlich versuchen, meinen persönlichen Erkenntnisgewinn mit den Interessen meines Dienstherrn in Einklang zu bringen. Was mir mit Sicherheit nicht schwer fallen wird.

Ich habe mir vorgenommen, auch in diesem Jahr wieder an dieser Stelle aus Berlin zu berichten. Wir werden sehen, was dabei herumkommt. An dieser Stelle sei der YouTube-Kanal der re:publica empfohlen, auf dem stets sehr zeitnah die Aufzeichnungen der Sessions (jedenfalls von den größeren Stages) zu finden sind.

Und das hatte ich in den vergangenen Jahren so zur re:publica zu sagen:

Journalismus auf der re:publica – Kritisch und von außen betrachtet [#rp14 #5]

Nicht meckern. Besser machen. – Part II: Bring the wild into the church! [#rp14 #4]

Nicht meckern. Besser machen. – Part I: Bring the church into the wild! [#rp14 #3]

Die Kirche und die Kristallisationspunkte [#rp14 #2]

Genug gemurrt. Into the wild! [#rp14 #1]

Und hier gibt es noch mehr Beiträge zur re:publica.

re:publica 15 - FINDING EUROPE

Samstags im Stadion

München, ein grauer, nasskalter Nikolaussamstag. Während sich in der Innenstadt Tausende über die völlig überfüllten Weihnachtsmärkte wälzen, setze ich mich in die U-Bahn zum Olympiapark, um einen ein Denkmahl der Sportgeschichte zu besuchen. Und es lohnt sich.

Noch mehr Bilder gibt’s bei Flickr.

Mein Streikwochenende

Ganz Deutschland blickt bangend dem Lokführerstreikwochenende entgegen. Also, fast ganz Deutschland. Ich persönlich gehe da ziemlich gelassen ran. Während des letzten Streikwochenendes hatte ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass das doch alles viel weniger schlimm ist, als es manchmal gemacht wird. Jedenfalls hatte ich an einem bestreikten Sonntag keinerlei Probleme, von Bonn nach Essen und wieder zurück zu kommen. Und weil ich mich nicht nur darüber, sondern auch über den schönen Ausflug so gefreut habe, will ich Euch natürlich auch daran teilhaben lassen. Vielleicht nutzt Ihr die Entschleunigung des kommenden Wochenendes ja auch, um mal mit offeneren Augen durch die Welt zu spazieren?

Mehr Bilder aus Bonn und sonstwoher gibt es in meinem Flickr-Stream.

Wo man bisher noch nicht war

Ja... aber was?

”Guten Morgen, jetzt ist Schluss.”

Bald zumindest mit dem Jahr 2013, das ein sehr besonderes gewesen sein wird. Gut, dass dieses Jahr besonders ist, ist an sich nicht besonders, sondern normal. Jedes Jahr ist schließlich einzigartig. Weil ich aber mit sehr viel Freude auf dieses Jahr zurückblicke und mit mindestens ebenso großer Freude das kommende Jahr erwarte, will ich hier ein wenig über den roten Faden schreiben, der das alles verknüpft: Die Kirche und mein Verhältnis zu ihr.

Dieses Jahr war eines, in dem sich nicht nur mein Denken über die Kirche und mein Bild von der Kirche radikal – im Wortsinn von der Wurzel her – verändert hat, sondern in dem auch die Kirche im Ganzen ganz schön viel mitgemacht hat. Ich will hier keine Chronologie der Ereignisse aufschreiben; das mögen andere tun. Ein paar Worte dazu müssen aber sein.

”Nein, wir schlafen nicht.”

Anfang des Jahres hat der damalige Papst Benedikt sicher nicht nur mich mit vielen Fragen zurück gelassen, als er unerwartet seinen Amtsverzicht erklärte. Und auch zehn Monate später traue ich mir noch nicht wirklich zu, dieses Geschehen fundiert zu beurteilen. Viel wichtiger ist ja auch, was danach passierte. Aber, das gleich vorweg, über Benedikts Nachfolger Franziskus kann und will ich eigentlich auch nicht viel schreiben. Es geht ja auch gar nicht so sehr um diesen neuen Bischof von Rom selber, als vielmehr darum, was dessen Wahl mit der Kirche gemacht hat. Dieser Franziskus hat die Kirche auf einen ziemlich aufregenden Trip mitgenommen. Der Rücktritt des alten Papstes war schon aufwühlend. Aber man meint, dass erst Franziskus auch die letzten Schläfer aufgeweckt hat.

”Irgendwas schiebt uns, zieht uns.”

Ohne das Pontifikat von Benedikt schmälern zu wollen, hat es mich doch ziemlich beeindruckt, wie die Kirche auf Franziskus reagiert hat. Da haben plötzlich ganz viele Menschen angefangen, von Glaubensfreude und Barmherzigkeit und Mission zu sprechen. Klar, es ist der Job des Papstes, der Kirche Beine zu machen. Trotzdem ist diese Aufbruchtstimmung ungewohnt und begeisternd zugleich.

”Was, dir ist heiß? Nee, ne Pause gibt’s heut nicht.”

Nur wenige Tage nach der Ankündigung des Amtsverzichts durch Benedikt war ich dann in Hannover beim Kongress Kirche². Ich habe dazu schon viel gebloggt und will daher gar nicht weiter inhaltlich darauf eingehen. Aber Kirche² ist mittlerweile zu einer Bewegung geworden; Menschen bewegen Gedanken und lassen sich von den Gedanken anderer bewegen. Und ich gehöre irgendwie auch dazu.

”Ich weiß, die Zeit verfliegt, begibt man sich dorthin, wo man bisher noch nicht war.”

Schließlich habe ich dieses Jahr auch ausgiebig studiert. Vielleicht werde ich dazu noch einmal etwas schreiben, da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Ganz unerwähnt kann ich die Theologie hier aber nicht lassen. In den vergangenen Monaten hat sich mir diese wunderbare Disziplin immer weiter geöffnet. Manchmal hat sie mich überrascht, immer hat sie mich fasziniert. Ich habe dankbar und viel dazu gelernt.

”Die tanzlosen Tage sind vorbei.”

Jetzt geht dieses aufbrechende Jahr zu Ende und verlangt nach einem würdigen Nachfolger. Nach der Theorie muss die Praxis folgen. Kirche² muss langsam, aber stetig in die Bistümer, Landeskirchen, Pfarreien und Gemeinden einsickern und Wurzeln schlagen. Die Anstöße von Papst Franziskus müssen all die Steine in der Kirche ins Rollen bringen. Und ich werde natürlich auch selber zusehen müssen, was ich aus alldem mache.

”Die Weichen sind längst gestellt.”

Und jeden Tag wird mir klarer, dass wir eigentlich schon alle Möglichkeiten haben, mit dieser Kirche in die Zukunft zu gehen. Veranstaltungen wie der Kongress Kirche² und Menschen wie Franziskus tun letztlich nicht mehr, als uns daran zu erinnern, was wir tun sollen. Ecclesia semper reformanda ist dann nicht mehr nur eine gefällige Phrase, sondern der Ausdruck dafür, diese Möglichkeiten ständig wieder zu entdecken und zu nutzen.

”Wir müssen los.”

All das passiert sicher nicht zur falschen Zeit. Natürlich beschränkt sich meine Wahrnehmung der Kirche auf das, was in meine Filterblase eindringen kann. Und ganz klar ist das in erster Linie die katholische Kirche in Deutschland und vor allem in meiner Heimat. Aber auch wenn die Kirche andernorts andere Aufgaben zu bewältigen hat, sind diese sicher nicht weniger anspruchsvoll. Und egal, welcher Frage man sich konkret widmen mag, gilt eben doch immer, dass man sich ihrer auch wirklich annehmen muss. Ausreden gibt es nicht, es wird kein Aufschub gewährt.

”Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.”

Das flößt natürlich Respekt ein. Und ich für meinen Teil kann es gut nachvollziehen, dass in der Kirche noch immer sehr viele Menschen gibt, die ihr lange einstudiertes Handeln nicht komplett umkrempeln wollen. Ich habe das in diesem Jahr mehrmals erfahren müssen, als ich in meinem direkten kirchlichen Umfeld Aufbrüche anregen wollte. Das schmerzt und ist zuweilen auch frustrierend, aber eben verständlich. Schließlich geht niemand gerne das Risiko ein, hinzufallen. Aber wir können es uns nicht erlauben, nicht aufzubrechen. Wir dürfen nicht einfach aufgrund der aus Bequemlichkeit gewachsenen Angst vor dem Hinfallen in unserer kleinen Ecke hocken bleiben. Das Gute ist doch: Wenn wir fallen, fallen wir garantiert nicht zu tief, als dass wir nicht wieder auf die Beine kämen. Und wenn wir ehrlich sind, ist mutiges Stolpern im schwierigen Terrain aufregender und spannender als die trittsichere Prozession auf asphaltierten Straßen.

”Kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.”

Das Jahr 2013 wird ein besonderes gewesen sein. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich wirklich das Gefühl, dass da was geht. Dass mein Wunsch, in dieser Kirche an neuen Wegen mitzuarbeiten, nicht nur Wunsch bleiben muss. Dass da noch ganz viele andere Menschen rumlaufen, die mehr wollen und das nicht nur fordern, sondern fördern. Ich werde dieses Gefühl nicht mehr los und will es auch gar nicht. Ich will keinen Augenblick mehr ohne das Gefühl erleben, dass man mit dieser Kirche Wellenreiten gehen kann.

”Lass uns wellenreiten gehen.”

Am Schluss: Dankbarkeit. Es gibt so viel, wofür ich in diesem Jahr dankbar bin. Nicht alles muss verbloggt werden und nicht alles hat auch mit dem Thema dieses Posts zu tun. Aber wenigstens all denen will ich hiermit Danke sagen, die mich in diesem Jahr mit der Kirche und dieses Jahr mit der Kirche für mich so sehr geprägt haben. Wer sich angesprochen fühlt: Vergelt’s Gott!

Und ja, auch IHM bin ich dankbar. Für alles.

Sportfreunde Stiller – Wellenreiten ‘54

Guten Morgen, jetzt ist Schluss,
die tanzlosen Tage sind vorbei.
Gib mir Speichel, oder zumindest nen Kuss.
Die Weichen sind längst gestellt,
wir müssen los.
Irgendwas schiebt uns, zieht uns.
Uns umgibt der Glanz der Sonne.
Lass uns wellenreiten gehen.
Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.

Kein Augenblick, kein Augenblick mehr,
kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.

Was, dir ist heiß?
Nee, ne Pause gibt’s heut nicht.
Ich weiß, die Zeit verfliegt,
begibt man sich dorthin,
wo man bisher noch nicht war.
Ist es wahr, oder nur ein Traum?
Nein, wir schlafen nicht.
Lass uns wellenreiten gehen.
Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.

Kein Augenblick, kein Augenblick mehr,
kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.