Vom Ermöglichungsrecht

Ein Thema, das mich seit geraumer Zeit besonders fasziniert, ist das katholische Kirchenrecht. Dabei bereitet mir einerseits das Studium dieses Fachs an sich schon große Freude, fast noch spannender finde ich allerdings die Frage, wie man diesen wichtigen Inhalten unter den Gläubigen zu größerer Bekanntheit verhelfen kann. Wer kirchenrechtlich unbeleckt ist, wird das wohl nicht sofort nachvollziehen können, daher setze ich etwas früher an.

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Die Hoffnung der Kopten liegt in Gott

Als wir nach gut eineinhalb Stunden Anreise gegen halb elf die St.-Markus-Kirche betreten, ist der Gottesdienst schon eine Stunde im Gange. Für den Durschnittskatholiken (ich werde im Folgenden etwas genauer von lateinischen Christen sprechen) wäre das undenkbar. Oder eher sinnlos, da eine Messfeier in unseren Breiten ja auch an Sonntagen kaum länger als eine Stunde dauert. Bei den Kopten ist das anders. Da ist jetzt noch nicht einmal der erste Teil der Messe, der Wortgottesdienst, vorbei. Und während man bei lateinischen Katholiken ein solches Zuspätkommen wohl als sehr unhöflich empfinden würde, ist es bei den Orientalen durchaus üblich, wie uns unser Dozent in der vorangegangenen Seminarsitzung erklärt hatte.

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Wo man bisher noch nicht war

Ja... aber was?

”Guten Morgen, jetzt ist Schluss.”

Bald zumindest mit dem Jahr 2013, das ein sehr besonderes gewesen sein wird. Gut, dass dieses Jahr besonders ist, ist an sich nicht besonders, sondern normal. Jedes Jahr ist schließlich einzigartig. Weil ich aber mit sehr viel Freude auf dieses Jahr zurückblicke und mit mindestens ebenso großer Freude das kommende Jahr erwarte, will ich hier ein wenig über den roten Faden schreiben, der das alles verknüpft: Die Kirche und mein Verhältnis zu ihr.

Dieses Jahr war eines, in dem sich nicht nur mein Denken über die Kirche und mein Bild von der Kirche radikal – im Wortsinn von der Wurzel her – verändert hat, sondern in dem auch die Kirche im Ganzen ganz schön viel mitgemacht hat. Ich will hier keine Chronologie der Ereignisse aufschreiben; das mögen andere tun. Ein paar Worte dazu müssen aber sein.

”Nein, wir schlafen nicht.”

Anfang des Jahres hat der damalige Papst Benedikt sicher nicht nur mich mit vielen Fragen zurück gelassen, als er unerwartet seinen Amtsverzicht erklärte. Und auch zehn Monate später traue ich mir noch nicht wirklich zu, dieses Geschehen fundiert zu beurteilen. Viel wichtiger ist ja auch, was danach passierte. Aber, das gleich vorweg, über Benedikts Nachfolger Franziskus kann und will ich eigentlich auch nicht viel schreiben. Es geht ja auch gar nicht so sehr um diesen neuen Bischof von Rom selber, als vielmehr darum, was dessen Wahl mit der Kirche gemacht hat. Dieser Franziskus hat die Kirche auf einen ziemlich aufregenden Trip mitgenommen. Der Rücktritt des alten Papstes war schon aufwühlend. Aber man meint, dass erst Franziskus auch die letzten Schläfer aufgeweckt hat.

”Irgendwas schiebt uns, zieht uns.”

Ohne das Pontifikat von Benedikt schmälern zu wollen, hat es mich doch ziemlich beeindruckt, wie die Kirche auf Franziskus reagiert hat. Da haben plötzlich ganz viele Menschen angefangen, von Glaubensfreude und Barmherzigkeit und Mission zu sprechen. Klar, es ist der Job des Papstes, der Kirche Beine zu machen. Trotzdem ist diese Aufbruchtstimmung ungewohnt und begeisternd zugleich.

”Was, dir ist heiß? Nee, ne Pause gibt’s heut nicht.”

Nur wenige Tage nach der Ankündigung des Amtsverzichts durch Benedikt war ich dann in Hannover beim Kongress Kirche². Ich habe dazu schon viel gebloggt und will daher gar nicht weiter inhaltlich darauf eingehen. Aber Kirche² ist mittlerweile zu einer Bewegung geworden; Menschen bewegen Gedanken und lassen sich von den Gedanken anderer bewegen. Und ich gehöre irgendwie auch dazu.

”Ich weiß, die Zeit verfliegt, begibt man sich dorthin, wo man bisher noch nicht war.”

Schließlich habe ich dieses Jahr auch ausgiebig studiert. Vielleicht werde ich dazu noch einmal etwas schreiben, da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Ganz unerwähnt kann ich die Theologie hier aber nicht lassen. In den vergangenen Monaten hat sich mir diese wunderbare Disziplin immer weiter geöffnet. Manchmal hat sie mich überrascht, immer hat sie mich fasziniert. Ich habe dankbar und viel dazu gelernt.

”Die tanzlosen Tage sind vorbei.”

Jetzt geht dieses aufbrechende Jahr zu Ende und verlangt nach einem würdigen Nachfolger. Nach der Theorie muss die Praxis folgen. Kirche² muss langsam, aber stetig in die Bistümer, Landeskirchen, Pfarreien und Gemeinden einsickern und Wurzeln schlagen. Die Anstöße von Papst Franziskus müssen all die Steine in der Kirche ins Rollen bringen. Und ich werde natürlich auch selber zusehen müssen, was ich aus alldem mache.

”Die Weichen sind längst gestellt.”

Und jeden Tag wird mir klarer, dass wir eigentlich schon alle Möglichkeiten haben, mit dieser Kirche in die Zukunft zu gehen. Veranstaltungen wie der Kongress Kirche² und Menschen wie Franziskus tun letztlich nicht mehr, als uns daran zu erinnern, was wir tun sollen. Ecclesia semper reformanda ist dann nicht mehr nur eine gefällige Phrase, sondern der Ausdruck dafür, diese Möglichkeiten ständig wieder zu entdecken und zu nutzen.

”Wir müssen los.”

All das passiert sicher nicht zur falschen Zeit. Natürlich beschränkt sich meine Wahrnehmung der Kirche auf das, was in meine Filterblase eindringen kann. Und ganz klar ist das in erster Linie die katholische Kirche in Deutschland und vor allem in meiner Heimat. Aber auch wenn die Kirche andernorts andere Aufgaben zu bewältigen hat, sind diese sicher nicht weniger anspruchsvoll. Und egal, welcher Frage man sich konkret widmen mag, gilt eben doch immer, dass man sich ihrer auch wirklich annehmen muss. Ausreden gibt es nicht, es wird kein Aufschub gewährt.

”Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.”

Das flößt natürlich Respekt ein. Und ich für meinen Teil kann es gut nachvollziehen, dass in der Kirche noch immer sehr viele Menschen gibt, die ihr lange einstudiertes Handeln nicht komplett umkrempeln wollen. Ich habe das in diesem Jahr mehrmals erfahren müssen, als ich in meinem direkten kirchlichen Umfeld Aufbrüche anregen wollte. Das schmerzt und ist zuweilen auch frustrierend, aber eben verständlich. Schließlich geht niemand gerne das Risiko ein, hinzufallen. Aber wir können es uns nicht erlauben, nicht aufzubrechen. Wir dürfen nicht einfach aufgrund der aus Bequemlichkeit gewachsenen Angst vor dem Hinfallen in unserer kleinen Ecke hocken bleiben. Das Gute ist doch: Wenn wir fallen, fallen wir garantiert nicht zu tief, als dass wir nicht wieder auf die Beine kämen. Und wenn wir ehrlich sind, ist mutiges Stolpern im schwierigen Terrain aufregender und spannender als die trittsichere Prozession auf asphaltierten Straßen.

”Kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.”

Das Jahr 2013 wird ein besonderes gewesen sein. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich wirklich das Gefühl, dass da was geht. Dass mein Wunsch, in dieser Kirche an neuen Wegen mitzuarbeiten, nicht nur Wunsch bleiben muss. Dass da noch ganz viele andere Menschen rumlaufen, die mehr wollen und das nicht nur fordern, sondern fördern. Ich werde dieses Gefühl nicht mehr los und will es auch gar nicht. Ich will keinen Augenblick mehr ohne das Gefühl erleben, dass man mit dieser Kirche Wellenreiten gehen kann.

”Lass uns wellenreiten gehen.”

Am Schluss: Dankbarkeit. Es gibt so viel, wofür ich in diesem Jahr dankbar bin. Nicht alles muss verbloggt werden und nicht alles hat auch mit dem Thema dieses Posts zu tun. Aber wenigstens all denen will ich hiermit Danke sagen, die mich in diesem Jahr mit der Kirche und dieses Jahr mit der Kirche für mich so sehr geprägt haben. Wer sich angesprochen fühlt: Vergelt’s Gott!

Und ja, auch IHM bin ich dankbar. Für alles.

Sportfreunde Stiller – Wellenreiten ‘54

Guten Morgen, jetzt ist Schluss,
die tanzlosen Tage sind vorbei.
Gib mir Speichel, oder zumindest nen Kuss.
Die Weichen sind längst gestellt,
wir müssen los.
Irgendwas schiebt uns, zieht uns.
Uns umgibt der Glanz der Sonne.
Lass uns wellenreiten gehen.
Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.

Kein Augenblick, kein Augenblick mehr,
kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.

Was, dir ist heiß?
Nee, ne Pause gibt’s heut nicht.
Ich weiß, die Zeit verfliegt,
begibt man sich dorthin,
wo man bisher noch nicht war.
Ist es wahr, oder nur ein Traum?
Nein, wir schlafen nicht.
Lass uns wellenreiten gehen.
Heute fallen wir hundertpro nicht vom Brett.

Kein Augenblick, kein Augenblick mehr,
kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen.

Die „Jetzt-Generation“

Verlernen wir geschichtliches Denken? Auf den Punkt gebracht lautet so die Frage, mit der ich nun fast den ganzen Tag gerungen habe. Das könne sich jetzt so anhören, als würde ich mir jeden Morgen eine philosophische Frage mit in den Tag nehmen. Ganz so beflissen bin ich dann doch nicht. Vielmehr geht das auf die – in meinen Ohren – provokante These eines Dozenten zurück, die er eben heute Morgen relativ beiläufig erwähnte.

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19.10.2013, 16:41 Uhr.

Grob gesagt geht es darum, dass sich “meine Generation” zumindest auf dem Weg zu einem Denksystem entwickeln würde (wenn sie es nicht sogar schon rezipiert hat), das so vollständig von der Bedeutung des Jetzt überlagert ist, dass geschichtliche Reflexion nicht mehr stattfindet.
Er machte das an einem etwas banalen Beispiel fest: Im Hörsaal sitzen etliche Personen, die ständig ihr Smartphone aus der Tasche ziehen, oder es sogar gleich ganz in der Hand behalten, um – jetzt – auch ja keine Neuigkeit zu verpassen. Wie gesagt, etwas banal. Aber der Hintergedanke ist mir zumindest klar.

Nachdem ich mich da natürlich ertappt fühle, habe ich mir also dazu Gedanken gemacht. Und so sehr ich generell dazu geneigt bin, “meine Generation” zu verteidigen, fällt mir das in dem Zusammenhang doch etwas schwer. Es ist ja tatsächlich so, dass die These einer Generation ohne geschichtliches Reflexionsvermögen über einige Erklärungskraft für gewisse Phänomene unserer Zeit verfügt.

Ein kurzer Exkurs:
An dieser Stelle ist es sinnvoll, deutlich zwischen “historisch” und “geschichtlich” zu unterscheiden. Ich glaube kaum, dass es – auch in “meiner Generation” – an historischem Wissen und damit einhergehender Reflexion über dieses Wissen mangelt. Geschichtlich zu denken hieße dann aber, dieses historische Wissen im Hinblick auf konkrete Zusammenhänge, also beispielsweise die eigene Person in einer konkreten Lebenssituation zu reflektieren. Oder umgekehrt: Die eigene Person in der konkreten Lebenssituation nicht ungeschichtlich nur im Jetzt zu sehen, sondern sozusagen durch die Brille des historischen Wissens und der eigenen, historischen Erfahrungen zu reflektieren.

Eine starke Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der eigenen Person ist dann gleichermaßen Voraussetzung wie Resultat. Und zwar nicht nur in einem sehr direkten Sinn (“ein guter Schulabschluss schafft gute Zukunftsperspektiven”), sondern vor allem auch in einem weiter gefassten Sinn, gerne auch auf einer Metaebene. Hätte ich ihn verstanden, würde ich an dieser Stelle Heidegger einfließen lassen.

Zurück zum Thema.
Ist es also heute für Menschen “meiner Generation” schwieriger, geschichtlich zu reflektieren, bzw. gibt es Gründe, es einfach nicht zu tun? Man könnte jetzt den Begriff des Hedonismus anführen und die Überlegung beenden, das wäre mir aber doch zu einfach. Darum ging es in der ursprünglichen These auch gar nicht.

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26.10.2013,18:32 Uhr.

Wenn ich, sobald das Display meines Smartphones aufleuchtet, sofort nachsehe, was da gerade angekommen ist, wird man das bestenfalls als Marotte bezeichnen können, schlechtestenfalls als Sucht. Tatsächlich dürfte aber auch die diffuse Angst, eine Nachricht von höchster Wichtigkeit zu verpassen, eine Rolle spielen. Jedenfalls unterbewusst. Und natürlich ist das – rational betrachtet – vollkommener Blödsinn, da ich mich einer solchen Nachricht ja kaum würde entziehen können. Und wer kennt nicht auch das seltsame Gefühl, über mehrere Stunden hinweg mal gar keine Nachricht, welcher Form auch immer, bekommen zu haben?

Dieser Raum zwischen den Nachrichten, die ein immer neues Jetzt erschaffen, wird immer kleiner. Und wahrscheinlich sorgen wir selber dafür, indem wir ständig darauf bedacht sind, auch wirklich im Hier und Jetzt dabei zu sein. Während ich diese Zeilen schreibe, sind TweetDeck, Facebook und zwei Mailaccounts ständig im Hintergrund geöffnet. Und das Smartphone liegt selbstverständlich direkt vor mir.

Gerade gestern habe ich diesen wunderbaren TEDx Talk eines Heiligenkreuzer Zisterziensers gesehen. Der Talk ist eigentlich auch aus ganz anderen Gründen hervorragend, aber hier will ich nur den Gedanken der Stille aufgreifen. Der Mönch sagt, dass wir heute größte Schwierigkeiten mit der Stille haben, da diese zu einer fast schon existenziellen Erfahrung werden kann. Dem kann ich nur zustimmen. Stille – auch im übertragenen Sinn – führt unweigerlich und oft erstaunlich schnell dazu, sich mit sehr intensiven Fragen auseinander zu setzen.

Wie ich schon sagte, neige ich generell dazu, “meine Generation” zu verteidigen. Zumal dann, wenn ihr fehlende geistige Tiefe (o.ä.) vorgeworfen wird. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung zur Stille halte ich die These von der fehlenden geschichtlichen Reflexion allerdings für ziemlich solide. Natürlich nicht im hedonistischen, sondern vielmehr im pragmatischen Sinn. Wie kann ich denn das Heute noch sinnvoll in einen geschichtlichen Kontext bringen, wenn scheinbar alle paar Stunden eine weiter Eilmeldung ein neues Heute konstruiert? Wie kann ich denn überhaupt noch von einem Heute und einem Gestern sprechen, wenn der Tageswechsel sich nicht mehr auf der Uhr, sondern zwischen zwei Facebook-Updates vollzieht?

Zugegeben, das ist etwas spitz formuliert. Aber ich glaube, es lohnt sich, darüber einmal nachzudenken. Und mit Abschluss dieses Posts scheint mir, dass er eigentlich nur ein Vorwort war. Für “meine Generation” bedeutet geschichtliche Reflexion ja vorrangig die Konstruktion einer Vorstellung von der Zukunft. Die eigentliche Frage müsste dann also lauten, wie das funktionieren kann, wenn eigentlich immer Jetzt ist.

Mehr zum Thema Gedankensplitter? Hier lang!

Die Multiplikatoren von morgen.

Anfang dieser Woche habe ich an der Wissenschaftlichen Fachtagung „Lebendige Kirche in neuen Strukturen. Herausforderungen und Chancen.“ im Schloss Hirschberg (einem Tagungshaus der Diözese Eichstätt) in Beilngries/Altmühltal teilgenommen. Diese Tagung steht in einer Reihe kirchenrechtlicher Fachtagungen, die gemeinsam von den entsprechenden Lehrstühlen, bzw. Seminaren der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz und der Julius-Maxmilians-Universität zu Würzburg alle zwei Jahre veranstaltet werden.

Die diesjährige Tagung befasste sich also mit den Strukturen der Kirche. Genauer gesagt ging es dabei um eine Analyse der verschiedenen Strukturprozesse deutscher (und auch teilweise ausländischer) Diözesen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Möglichkeiten das Kirchenrecht bietet, solche Prozesse so durchzuführen, dass hernach auch eine Struktur herauskommt, die tragfähig ist und der Pastoral dient. Daneben wurde noch ein Fokus auf die Verbände, Ordensgemeinschaften und Geistlichen Bewegungen und deren Rolle, bzw. Funktion in dieser Situation gerichtet.

Ich kann hier nun nicht alle zehn Vorträge und Diskussionen wiederholen oder auch nur zusammenfassen. Während der Tagung hatte ich versucht, einige interessante Zitate per Twitter festzuhalten; nachzulesen hier in der Storify-Geschichte.
Stattdessen will ich ein etwas allgemeineres Fazit ziehen.

IMG_20131004_193211Das Kirchenrecht hat mich von Beginn meiner Beschäftigung mit dieser Disziplin an sehr fasziniert. Ich hatte schon immer eine gewisse Affinität zur Rechtswissenschaft; ohne dass es je zum Wunsch nach einem Studium der Rechtswissenschaften gereicht hätte. Mir liegt einfach diese sehr exakte, um genaue Begrifflichkeiten ringende Arbeit an Rechts- und Gesetzestexten. Nicht, dass ich das perfekt beherrschen würde. Ich habe schlicht Freude daran. Unter anderem begeistert es mich immer wieder, wenn man einer zunächst sehr abstrakt wirkenden Rechtsvorschrift genauer auf den Grund geht und plötzlich die enorme praktische Relevanz entdeckt, die teilweise nur wenige Wörter enthalten können.

Und so ist das eben auch im Kirchenrecht. Wenn man sich beispielsweise die grundlegende Norm zur Pfarrei im geltenden Gesetzbuch der Kirche ansieht (ich lasse hier Fachvokabular bewusst aus), kann man das recht gut nachvollziehen:

„Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Hirtensorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut ist.“ (c. 515 §1 CIC/1983)

In diesem einen Satz stecken eine ganze Reihe von Aussagen, die wiederum weitere Aussagen nach sich ziehen. Man betrachte beispielsweise nur einmal die Konstruktion „bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen“. Darin steckt unter anderem die Aussage, dass eine Pfarrei nicht an ein bestimmtes Gebiet wie einen Stadtteil gebunden sein muss. Gleichwohl muss klar sein, wer alles zu dieser Pfarrei gehört. Auch die Verwendung des Begriffs der „Gemeinschaft“ hat etwas zu bedeuten, wie man sich denken kann.

Und in diesem Stil kann man nicht nur diesen Paragraphen, sondern letztlich das gesamte Pfarreienrecht lesen (und natürlich auch den Rest des Kirchenrechts). Manche Punkte bieten mehr Spielraum für Interpretationen, andere sind ziemlich eindeutig. Jedenfalls ist eines klar: Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, wie sich die Kirche in einer Diözese strukturieren kann. Und gerade sind die meisten deutschen Bistümer kräftig dabei, diese Möglichkeiten auszutesten. Dabei sind manche erfolgreicher als andere, manche halten sich treuer an den Gesetzesbuchstaben als andere und vor allem sind manche mutiger als andere. Weiterlesen