Mit Grautönen leben

Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn
Detail: Gerhard Richter, Vorhang IV, 1965, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bonn

Es gibt Tage, da macht es keine Freude, Journalist zu sein. Gestern war einer davon. Und das ist weder überraschend noch herausragend, denn was gestern passierte, war letztlich doch nur journalistisches Alltagsgeschäft. Aber es wurde offensichtlich, dass es im Journalismus keine Trennschärfe mehr gibt zwischen Schwarz und Weiß. Es sind gibt nur noch Grautöne. Und der Umgang damit fällt mir schwer.

Ich brauche den Tag nicht zu rekapitulieren. Wir wissen, was passiert ist und wir wissen, dass sich Kollegen aller Genres, nicht nur der bösen Boulevard-Presse schuldig gemacht haben. Im ewigen Kampf um Zahlen und Erfolg ist einmal mehr die Würde unter die Räder gekommen. Und alle haben mitgemacht, denn wer nicht mitmacht, bekommt eben kein Stück ab vom Kuchen.

Ich habe das große Glück, in einer Redaktion zu arbeiten, die viele dieser medialen Zwänge sehr gelassen sehen kann. Wir haben den Luxus, unser Produkt nicht verkaufen zu müssen. Es ist bereits bezahlt. Das ist natürlich auch Verpflichtung. Und zwar die Verpflichtung, Themen zu bringen, die sonst niemand bringt – gerade weil sie auch nur ein marginales Publikum erreichen. Wir können – und sollen – auch diese Geschichten bringen, die eben nicht sexy und aufmerksamkeitsheischend sind, sondern einfach nur gut und wichtig. Geschichten, die Haltung verlangen. Aber auch wir merken immer wieder, wie sehr wir als Online-Journalisten von Zahlen getrieben sind. Immer auf der Suche nach dem perfekten Posting, immer ein Auge auf die Echtzeit-Zahlen. Dennoch, wir leben im Haltungsluxus.

Und ich darf mich glücklich schätzen, mit Kollegen in dieses Metier hinein zu wachsen, die ebenso viel Wert auf Haltung legen, auf Anstand, wie ich. Es tut mir gut, zu wissen, wie sehr meine zehn Jahrgangskollegen darum bemüht sind, anständige und aufrechte Journalisten zu sein. Informieren, über alles, aufrichtig und notfalls hartnäckig, aber nicht um jeden Preis. Jede Geschichte erzählen, wenn sie erzählt werden muss, aber nicht auf jede Weise. Das ist es, was uns an eine katholische Journalistenschule gebracht hat.

Aber selbst dort sind wir, bin ich, nicht vor dem Einfall der verdorbenen Realität sicher. Vor vier Wochen, bei unserem zweiten Volontärs-Grundkurs, stand das Thema Medienethik auf dem Programm. Als Fachreferentin war eine Redakteurin einer bayerischen Regionalzeitung eingeladen, die seit Jahren Mitglied des  Presserats. Sie sollte uns den Pressekodex erläutern und darlegen, wie und weshalb der Presserat zu seinen Entscheidungen kommt. Es wurde ein ernüchternder Tag.

Wir sollten echte Fälle, mit denen sich der Presserat befasst hatte, selbst beurteilen. Fast immer hätten wir deutlich schwerere Sanktionen verhängt als es in der Realität der Fall war. Teilweise hätten wir Höchststrafen ausgesprochen, wo der Presserat in der Realität überhaupt nicht bestraft hat. Aber noch nicht einmal diese Diskrepanz zwischen unseren Ansprüchen und der Realität war die erschütterndste Erkenntnis. Es war das Gefühl einer Resignation, die in den Worten der Kollegin mitschwang. “Es ist schön, dass Sie so moralisch sind. Das schleift sich mit der Zeit ab.”*

Das ist die Realität des Journalismus. Es gibt nicht nur die böse Seite, auf der sich die Boulevardisten tummeln und die gute Seite, auf der der Presserat für Werte und Moral kämpft. Alle sind irgendwo mit drinnen. Jeder macht mal was wirklich gut und alle langen ab und an richtig daneben. Weil sie es müssen, wie sie sagen. Weil der Journalismus so funktioniert, wie es heißt. Wenn es darum geht, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, verschwimmen Schwarz und Weiß ganz schnell zu einem dreckigen Grau.

Der Journalismus ist getrieben von einer self-fulfilling prophecy. Und diesen Zirkel zu unterbrechen, scheint mir zunehmend ein illusionäres Unterfangen zu sein.

Das macht mir zu schaffen, weil ich noch immer der Vorstellung anhänge, diese weiße Seite könnte es tatsächlich geben. Und ich könnte an einer katholischen – christlichen – Journalistenschule eben von genau dieser Richtung in den Journalismus kommen, die nicht bös und fies ist. Ich könnte mich klar abgrenzen von dem, was nicht sein soll und nicht sein darf.

Aber so einfach ist es nicht. Wir leben in Grautönen. Auch der so genannte Qualitätsjournalismus hat nicht einfach nur ein paar schwarze Flecken. Es vermischt sich, es ist nicht mehr zu trennen. Wer vorgestern noch vom Podest mit dem Finger auf den schlimmen Boulevard gezeigt hatte, stand gestern mit der Kamera in der Hand vor dem Wohnhaus eines Toten.

Und das war trotz der enormen Außerwöhnlichkeit der Situation nur Alltagsgeschäft. Es waren keine lang diskutierten redaktionellen Entscheidungen, die hunderte Photographen vor das Haus getrieben haben, sondern Automatismen. Die zu erwartenden hohen Klickzahlen setzen eine seelenlose, würdelose Mechanik in Gang. Zum Glück geht das meistens nicht zu Lasten eines oder weniger Menschen, zum Glück ist das meistens harmlos. Gestern war es das nicht. Da war alles nur schmutzig grau.

* Sinngemäßes Zitat.

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Kulturzeit in München – die Pinakothek der Moderne

Eine Ausbildung am ifp hat eine Menge Vorzüge. Dazu gehören auch die freien Tage in München, die sich während der Kurswochen ergeben.

Den heutigen freien Tag habe ich für einen Besuch in der Pinakothek der Moderne genutzt. Das erste und bis dato letzte Mal hatte ich das Museum vor einigen Jahren bei einer Schulfahrt besucht. Dementsprechend war ich gespannt, wie viel mir noch bekannt vorkommen würde.

Abgesehen von der grandiosen Architektur und der wunderbaren Design-Ausstellung durfte ich aber tatsächlich viel Neues entdecken. Insbesondere war mir sträflich unbekannt, dass die Pinakothek der Moderne auch das Architekturmuseum der TU München beheimatet. Dort konnte ich am vorletzten Tag noch einen Blick auf die Ausstellung „Lina Bo Bardi 100“ zum 100. Geburtstag der brasilianischen Architektin werfen. Auch für mich als Architektur-Noob ein sehr interessantes Erlebnis.

Genug geschrieben. Museen muss man anschauen. Ein paar Impressionen habe ich Euch mitgebracht. Selbst vorbei schauen lohnt sich aber auch sehr!

Mit Scheuklappen an der Säbener

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Der FC Bayern spielt zwar sehr erfolgreich Fußball, macht aber auch unverantwortliche Politik. Es wird Zeit, dass die Roten aus München ein endlich verstehen. Wieder hat der Club ein Spiel in einem Krisengebiet ausgetragen und wieder hat man allein den sportlichen Erfolg in den Fokus gerückt. An der Säbener Straße lebt man in einer gefährlichen, unsportlichen Scheinwelt.

Ausgerechnet der sportliche Chef der Münchner, Bayern-Trainer Pep Guardiola, hat kurz vor der Abreise in die Ukraine zum Spiel gegen Donezk die politische Unbeholfenheit des FCB mustergültig aufgezeigt. Knapp erklärte er, man sei betroffen und würde mit den Ukrainern fühlen. Der aufmerksame Zuhörer versteht, dass man sich an der Säbener Straße eben nicht verantwortlich und schon gar nicht befähigt fühlt, zur Linderung einer Katastrophe beizutragen. Eine stattliche, sechsstellige Spendensumme für ein Kinderkrankenhaus überreichte man vor dem Gastspiel im Kriegsgebiet gerne, aber ein Boykott des Spiels, um nicht selbst indirekt einen Krieg mit zu finanzieren, kommt nicht in Frage.

Diese angebliche Machtlosigkeit des einflussreichsten aller deutschen Fußballclubs zieht sich durch die jüngere Geschichte des Vereins. Zur Vorbereitung auf die zweite Hälfte der Fußball-Saison reiste man wie schon in den vergangenen Wintern nach Katar – wo man sich auch im Winter auf perfekt gepflegten Trainingsplätzen zu Höchstleistungen antreiben kann, während sich auf den benachbarten Baustellen die Sklaven zu Tode schuften.

Den Tiefpunkt erreichte das verwerfliche Winterlager beim Testspiel im Terror-Staat Saudi-Arabien. Der marginale sportliche Wert für den Club wurde durch den immensen Wert in Petrol-Dollar aufgewogen. Dass das Spiel in Riad mit der zeitgleich stattfindenden Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi um die Gunst der Schaulustigen konkurrierte, interessierte in München niemanden. Als die Mitglieder gegen die eigenen Vereinsverantwortlichen aufbegehrten, reagierte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge mit geradezu groteskem Gefasel. Im Zentrum stand die völlig irregeleitete Aussage, man würde als Fußballverein keine politische Rolle spielen. Das ist ungefähr so treffend wie die Bezeichnung Saudi-Arabiens als Rechtsstaat.

Wo er auch auftritt, ob in der Ukraine, in Katar oder Saudi-Arabien, spielt der FC Bayern München nicht einfach nur wunderbar anzuschauenden Fußball, sondern macht vor allem auch Politik. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Hinweis: Dieser Kommentar entstand als Übungstext während eines Seminars an meiner Journalistenschule.

Samstags im Stadion

München, ein grauer, nasskalter Nikolaussamstag. Während sich in der Innenstadt Tausende über die völlig überfüllten Weihnachtsmärkte wälzen, setze ich mich in die U-Bahn zum Olympiapark, um einen ein Denkmahl der Sportgeschichte zu besuchen. Und es lohnt sich.

Noch mehr Bilder gibt’s bei Flickr.